MIA.
Chris Gonz

MIA.

MIA.
Die Identität einer Band.

Wir treffen sie auf dem Dach der Büros von ic!Berlin, mitten im Herzen von Berlin, direkt am Rosa-Luxemburg-Platz. Eine gute Ecke, um mit Mieze Katz, Andy Penn, Robert „Bob“ Schütze und Gunnar Spies über 20 Jahre MIA. zu sprechen, denn nur wenige Meter von hier befindet sich das John-Lennon-Gymnasium, der Ort, wo sie sich gefunden und gegründet haben. In diesen Straßenzügen fand ihr Leben statt und alles hier hat ihre Musik geprägt – und noch heute ist es ihr Zuhause. Es gibt keine Band, die so für das alte und neue Kernberlin steht wie sie.

In den zwei Dekaden haben sie sich fast so viele Fans gemacht wie Leute hervorgebracht, die von der Band genervt sind. Aber wenn es etwas gibt, das Mieze und die Bande noch nie gekümmert hat, dann das Gerede von Leuten, die ihnen sowieso nicht wohlgesonnen sind – ob bei der, aus heutiger Sicht fast albernen, Diskussion über „Was es ist“ und die damit verbundenen Nationalismusvorwürfe, bis hin zu denen, die sich darüber aufgeregt haben, dass Mieze für eine Staffel an der Seite von Dieter Bohlen Teil der DSDS-Jury gewesen ist.

Stattdessen feiern sie das Jubiläum auf ihre Art – indem sie eben kein neues Album herausbringen (an dem zwar gearbeitet, aber über das noch geschwiegen wird), sondern sich lieber von Kollegen covern lassen, die einfach Lust darauf haben, ihre Lieblingssongs von MIA. neu aufzunehmen. Den Anfang hat schon im April Balbina mit „Alles neu“ gemacht, und einige Wochen später zauberte Gregor Meyle eine vollkommen neu arrangierte Version von „Fallschirm“. Es gibt also viel zu besprechen und zu erzählen: SCHALL. schwelgt mit der Band in Erinnerungen. Auf der Suche nach der Identität einer Band.

Wenn man als Band zusammenkommt, fängt man ja nicht sofort an, seine eigenen Songs rauszuhauen. Was habt ihr anfangs gespielt?
Mieze: Wir haben sofort angefangen, eigene Lieder zu schreiben, aber natürlich auch anderes gespielt, wie zum Beispiel R.E.M. …
Andy: Aber nie öffentlich, nur im Probenraum. Es war Ende der 90er und ich war amerikanisch/Indie-sozialisiert. Natürlich auch so Tocotronic, Blumfeld und andere deutsche Indiebands, oder auch Air, und das alles vermischte sich.
Mieze: Und wenn wir auf der Bühne standen, haben wir immer eigene Musik gespielt, so krude diese Songs auch waren. Wir haben überhaupt nur zwei Coversongs im Programm: „Heroes“ von David Bowie, und seit der letzten Tour – seitdem die Jungs auf einem Cindy Lauper-Konzert gewesen sind – können wir auch „Girls Just Wanna Have Fun“ spielen. Sonst von Anfang an wirklich nur eigene Lieder und die damals in Englisch und Deutsch …

… was euch zu einer der ersten Bands machte, die mit deutscher Sprache Erfolg hatten.
Andy: Naja, es gab ja schon Tocotronic und so weiter, aber das fand nicht in den Charts statt.
Mieze: Wir waren eine der Bands, die keine Angst vor deutschsprachiger Popmusik hatten. Es gab ja schon lange Nena und Herbert Grönemeyer und die starke Indieszene mit Die Sterne oder Blumfeld – aber wir waren wohl schon eine der Ersten im Pop. Mit Sängerin und Inszenierungen, die die Bühne nutzen – wir waren immer extrovertiert. Wie habe ich es letztens gesagt …? Wir waren wie Quastenflosser! Der Übergang vom Independent zum Mainstream. Das war auch eine ganze Zeit lang ein Vorwurf an uns. Was ziemlich amüsant ist, wenn man heute auf die Charts schaut.

Wann war euer erster Moment auf der Bühne? Noch in der Schulzeit, oder?
Mieze: Jooa. Wann war das erste Mal mit Gunnar?
Andy: Das war diese Elektropunk-Party …
Gunnar: Genau, die Record-Release-Show der Future 80’s-Compilation auf Low Spirit, dem Label von Westbam. Ich kam ja erst später zur Band, da war das erste Album schon halb fertig. Was ich faszinierend fand, war die klare Verbindung zur Elektronik. Für mich war das neu – eine klassisch instrumentierte Band, die sich ganz selbstverständlich in elektronisch geprägte Kontexte begeben hat. Und bei meinem ersten Auftritt mit der Band waren nur Leute auf der Bühne, die ihre Laptops angeschmissen oder Platten gedreht haben. Doch bei uns wummerte es genauso. Ich wusste nicht, dass das überhaupt erlaubt war.
Mieze: Wir haben überlegt, wie unsere Musik heißt, denn es war kein Indierock und es war noch keine Popmusik. Also sind wir bei „Elektropunk“ gelandet. „Elektro“ war für uns durch unsere Berliner Technoszene normal. Andy und ich haben damals viel Dschungel und Drum & Bass gehört. Das gehörte dazu.
Andy: Wir waren eben nicht die Rocker. Von wegen Lederhose, freier Oberkörper, Fackeln im Sturm. Weder von der Musik, noch von der Einstellung. Daher passte „Punk“ viel eher.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 9 (Sommer 2017).

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