Tokio Hotel
Lado Alexi

Tokio Hotel

Der gelebte Traum
Die Jungs von Tokio Hotel haben in zwölf Jahren ein ganzes Leben gelebt. Nun können sie ein neues anfangen.

Mit 14 Koffern und ihren zwei Hunden Pumba und Pflaumensaft sind die Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz im Dezember von ihrer Wahlheimat Los Angeles nach Berlin gereist. In der Hauptstadt haben Tokio Hotel für ihre Tournee geprobt, mit der sie gerade in Europa unterwegs sind. 110 Musikpreise haben sie weltweit gewonnen: Tokio Hotel sind die erste deutsche Band überhaupt, die mit einem MTV Video Music Award, MTV Latin America Award und MTV Japan Award ausgezeichnet wurde. Sieben Millionen Platten hat das Quartett aus dem Raum Magdeburg bislang verkauft. Mit ihrem fünften Album „Dream Machine“ ist die Band erwachsen geworden und geht soundmäßig neue Wege. Die Songs haben sie selbst geschrieben; Tom Kaulitz hat das Werk produziert. Es gibt genau ein deutsches Wort auf der Platte: Tanzen! Beim SCHALL.-Interview in den Berliner Black Box Music-Hallen sind auch Georg Listing (Bass) und Gustav Schäfer (Schlagzeug) anwesend, das Reden überlassen die beiden dann aber doch lieber den Kaulitz-Brüdern.

Bill, Tom, im September 2016 wurdet ihr 27 Jahre alt. Für Musiker ein gefährliches Alter – Jimi Hendrix, Kurt Cobain und Amy Winehouse starben mit 27.
Tom Kaulitz: Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass wir jetzt aufpassen müssen, dass wir nicht das Zeitliche segnen. Ich finde das ganz schön makaber!
Bill Kaulitz: Deswegen haben wir unseren Geburtstag extra nicht gefeiert. Wir sind mit unseren beiden Hunden in den Sequoia National Park gefahren, haben im Fluss gebadet und die riesigen Bäume umarmt.

Aber den tiefen Sumpf aus Drogen und Depressionen habt ihr eh nie durchlebt, oder?
Bill Kaulitz: Wir halten den ganz gut raus aus der Öffentlichkeit. (lacht) Viele sagen uns, wir wären so normal geblieben. Aber ich glaube, dass wir durch all das, was wir erlebt haben, alle eine totale Macke haben. Denn so etwas prägt natürlich. Es bleiben auch Narben.
Tom Kaulitz: Aber man versucht, bestmöglich damit umzugehen.

Euer neues Album heißt „Dream Machine“. Ihr wohnt seit sechs Jahren in Los Angeles, der Stadt der Träume. Hat es damit zu tun?
Tom Kaulitz: Nein, gar nicht. Man nennt L.A. zwar die Stadt der Träume, aber es ist eigentlich die Stadt der zerbrochenen Träume. Nur für uns nicht. Wir haben einen ganz anderen Traum verfolgt. Wir sind nach L.A. gekommen, um ein bisschen abzutauchen vom Ruhm. Und das hat ganz gut geklappt. Dass das Album so heißen wird, stand schon fest, bevor wir den ersten Song geschrieben haben. Der Titel verkörpert für uns die Freiheit, das zu tun, was wir immer machen wollten. Es klingt vielleicht kitschig, aber es ist unser Traumalbum.

Wie ist das, wenn man schon als Teenager die eigenen Träume überboten hat?  
Bill Kaulitz: Das macht auch ein bisschen Angst. Ich denke manchmal: Eigentlich habe ich schon alles erlebt und erlebe nur noch schwächere Versionen von Momenten oder Gefühlen, die schon mal da waren. Ich habe so intensiv gelebt und geliebt – finde ich überhaupt noch mal jemanden, den ich noch mal so lieben kann? Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, ich könnte mich morgen vom Planeten verabschieden und hatte ein geiles Leben. Aber es ist unterschiedlich: Ich fühle mich manchmal wie 99 und manchmal wie zwölf. Dann wird mir bewusst, wie jung ich noch bin, was ich noch nicht kann und noch tun will, und dann freue ich mich wie ein kleines Kind, das noch alles erleben will.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 8 (Frühling 2017).

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