Silly
Christian Hoppe

Silly

Die Sehnsucht, bei sich zu bleiben
Sillys Blick auf die Welt.

Die Geschichte von Silly sind immer zwei Geschichten. Die jüngere begann, als die Schauspielerin und Sängerin Anna Loos Herz und Motor der Band wurde. Das ist jetzt zehn Jahre her und das neue Album „Wutfänger“, ihr drittes gemeinsames, ist der vorläufige Höhepunkt.

Anna schreit. Das riesige Fotostudio im Prenzlauer Berg klingt hallig, eine Windmaschine und ein paar Gerätschaften, die ich als Laie nicht erläutern möchte, sorgen ebenso für eine laute Geräuschkulisse. Das Brüllen geht ein wenig unter, so laut ist es. Aber man muss dennoch hinhören, wann hört man schon mal Schreie, die so den Ton treffen. So brüllen also Sängerinnen, denke ich. Es ist das Organ der Schauspielerin und Sängerin Anna Loos, Brandenburgerin und Wahlberlinerin. Bekannt geworden ist sie mit TV-Rollen im „Tatort“ und dem Kinothriller „Anatomie“, inzwischen schätzt man sie durch Filme und Serien wie „Weißensee“, „Die Stadt und die Macht“, „Böseckendorf“ und „Die Lehrerin“. Mit der gleichen Präsenz und Leidenschaft ist Anna Loos auch Sängerin. Zunächst ohne große Außenwirkung. Zwar sang sie die Titelsongs ihrer Filme „Halt mich fest“ und „Anatomie“ sowie ein Stück des Soundtracks zur Kinoklamotte „Kai Rabe gegen die Vatikankiller“, aber das war alles schnell wieder vergessen. Inzwischen ist sie jedoch die Frontfrau von Silly. Das ist nicht irgendeine Band. Nie gewesen und auch mit Anna Loos nicht. Hier beim Shooting an der Grenze zu Berlin-Mitte entstehen die Fotos fürs Booklet des neuen Silly-Albums „Wutfänger“. Dass Anna bei den Fotoaufnahmen brüllt, ist übrigens im Booklet tatsächlich zu sehen. Zwischen den einzelnen Porträt-Shootings habe ich die Gelegenheit, die Musiker zu ihrem neuen Werk, dem dritten mit Anna Loos, zu befragen. Der Aufenthaltsbereich des Studioareals ist gut gefüllt. Die Kollegen von Universal Music sind zum Beispiel da. Das Berliner Majorlabel hatte die Band 2010 unter Vertrag genommen und jetzt den Deal verlängert. Ebenso die Bandmanager. Ulf Wenderlich, der ehemalige Silbermond-Manager, der auch Joris betreut, hat erst kürzlich das organisatorische Zepter übernommen. Er teilt sich den Job mit Josephine Garvey, ihr galt in den Nullerjahren eine der schönsten Gitarrenpopnummern: „Josephine“ von Reamonn. Deren ehemaliger Sänger, Rea Garvey, ist ihr Ehemann.

Zunächst erkenne ich im Pulk Ritchie Barton. Den Silly-Keyboarder traf ich das erste Mal im Frühling 1982. Der damals 27-jährige Musiker war noch ganz neu in der Band und wurde von vielen Kollegen des Ostberliner Musikerklüngels dafür belächelt. Er kam von der schon seit den Siebzigern legendären Band City und drückte nun die Tasten bei der noch komplett hitbefreiten „Familie Silly“. Der Wechsel hatte eine Dimension, als wenn heute ein Musiker von Rammstein in die Klaus-Lage-Band einsteigt. Ritchie und seine damalige Freundin Tamara Danz, die Sängerin von Silly, staunten nicht schlecht, als ein 14-Jähriger in ihrer Wohnungstür nahe der Schönhauser stand und die Gründung eines Fanclubs vorschlug. Einen Besuch später, das „Familie“ war längst aus dem Bandnamen gestrichen, hörte ich von Kassette die ersten Demos von „Unterm Asphalt“ und „Mont Klamott“ von der gleichnamigen, kommenden Platte, die alles verändern sollte. Wir befinden uns mitten im ersten Teil der Silly-Geschichte. Sie soll hier nur noch am Rande erzählt werden. Nicht, weil sie unwichtig geworden ist, sondern, weil sie schon oft erzählt wurde und die jetzige Geschichte auch schon seit zehn Jahren andauert. Der Schnelldurchlauf: 1978 gegründet, tingelt die Kapelle um Frontfrau Tamara Danz viel durch bulgarische und rumänische Hotelbars, um Kohle fürs Equipment zusammenzusparen. Hier lernen sie auch einen Labelmacher aus dem Westen kennen, was erklärt, warum es eine Silly-LP früher in der BRD als in der DDR gibt. Die eigentlich erste Platte, die vieles von dem hat, was Silly noch heute ausmacht, ist schon die zweite: „Mont Klamott“ von 1983. Fortan zählt die Band zu den wichtigsten in Ostdeutschland, alle Alben werden aber auch in der BRD veröffentlicht. Die selbstauferlegte Messlatte ist hoch, doch Silly halten das Level mühelos. Selbst als das 1985er „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ wieder eingestampft und etwas entschärft als „Liebeswalzer“ herausgebracht wird.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 4 (Frühling 2016).

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