Tom Schilling
William Minke

Tom Schilling

Exit-Strategie Selbstkonfrontation
Tom Schilling singt neue deutsche Lieder über die Liebe und den Tod.

Auf dem Bildschirm ist Tom Schilling nicht selten in der Rolle des introvertierten, mit dem Leben hadernden Eigenbrötlers zu sehen. Er strahlt eine fast schon melancholische Zerrissenheit aus, die sich auch im musikalischen Schaffen des 40-Jährigen fortsetzt, wie auch mit seinem zweiten Album „Epithymia“.

Seit eineinhalb Jahren hätte er nicht mehr gedreht, sagt Tom Schilling gleich zu Anfang des Gesprächs. Jede Menge freie Zeit also zur Selbstspiegelung, die auf seinem neuen Album eher die Intensität einer Selbstkonfrontation annimmt. Schon vor fünf Jahren machte sich der Berliner Schauspieler und Musiker (gemeinsam mit seiner Backing-Band The Jazz Kids) auf, um in sich zu graben. Emotionale Ausschachtungsarbeiten, die 2017 die Stücke seines Longplayer-Debüts „Vilnius“ zutage förderten. Unterstützt von seiner alten Formation geht es für Schilling auf seinem zweiten Album unter dem neuen Namen Die Andere Seite nun noch ein ganzes Stück tiefer. Nach unten, immer weiter in Richtung tiefer Schwärze.

Die neue Scheibe hört auf den Namen „Epithymia“. Wobei es sich um einen Fachterminus aus der griechischen Mythologie handelt: Den für die Sehnsucht und das Verlangen. Zwei Begriffe, mit denen man Tom Schilling seit seiner Rolle als seelengequälter Nachwuchsnationalsozialist in der Tragödie „Napola“ (2004), allerspätestens jedoch als urbaner Slacker in der bipolaren Schwarzweiß-Sinnsuche „Oh Boy“ assoziiert (für die er 2013 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde). Zerrissene hat er viele gegeben auf der Leinwand und im TV: Den Rudi Dutschke-Attentäter Josef Bachmann in „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) zum Beispiel. Oder den zweifelnden Romeo-Agenten Lars Weber im Stasi-Drama „Der gleiche Himmel“ (2017). Auch den fiktiven, an Gerhart Richter angelehnten Maler Kurt Barnert in „Werk ohne Autor“ (2018) und den vom Leben enttäuschten Protagonisten in der im vergangenen Jahr angelaufenen Erich Kästner-Adaption „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“.

Auf „Epithymia“ lässt Tom Schilling nun erneut die Grenzen zwischen Spiel und seinem echten Sein verschwimmen. Ein persönliches Album mit einem bisweilen ganz schön morbiden Erzähler-Ich, das auf Songs wie dem nihilistischen Schwanengesang „Ins Nichts“, der Dante Alighieri-Hommage „Bitter & Süß“ oder der sich tonnenschwer ums Gemüt legende „Ballade vom Eisenofen“ durch Schilling spricht. Die Stimme aus dem Jenseits sozusagen, auf die er auch mit dem neu gewählten Bandnamen Die Andere Seite anspielt. Die Musik, so demonstriert Tom Schilling auf seinem neuen Album, ist ebenso Gefängnis wie auch Befreiung, sie ist Selbstanalyse und emotionaler Kompass auf seinem Weg ins Ungewisse. SCHALL. durfte ihn ein kleines Stück begleiten.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 26 (Frühling 2022).

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