Die Ärzte
Jörg Steinmetz

Die Ärzte

Karnickelfickmusik
Die Ärzte zerren uns ins Dunkel.

Die hartnäckig kursierenden Auflösungsgerüchte um die „beste Band der Welt“ konterten Bela-Farin-Rod im vergangenen Jahr mit dem Longplayer „Hell“. Doch es kommt noch besser. Während dieser Studiosessions entstand derart viel lustiges Liedgut, dass dies kaum zwölf Monate später als „Dunkel“ erscheint.

Pressetermin, Columbia Berlin. Die Hot Action Records Crew hat alles hübsch hergerichtet, mit Band-Fotos, dem Artwork des kommenden Albums und natürlich den brandneuen Dunkelnummern. Für die geladenen Journalisten Corona-mäßig hygienisch vorbereitet gibt’s das Vorab-Listening wahlweise Vollrohr über Lautsprecher oder dezent privat über Ohrstöpsel. Rund 66 Minuten und 19 Lieder später ist klar: diese Songs sind weder halbgare Überbleibsel noch schnöde Resteverwertung. „Dunkel“ ist ein bemerkenswertes musikalisches Statement eines Trios, das sich im Herbst seiner Karriere musikalisch und textlich in Hochform zeigt. Im SCHALL.-Interview spricht Farin Urlaub über seine Ausstiegsgedanken, die grenzenlose Selbstüberschätzung von Männern, das erste Rap-Feature in der Geschichte der Ärzte, japanische Altherrenwitze und Karnickelfickmusik.

Auf „Hell“ mussten die Fans acht Jahre warten. „Dunkel“ erscheint jetzt kaum ein Jahr später. Müsst Ihr zur Dopingkontrolle?
Nicht wirklich. Für „Hell“ haben wir nicht lange gebraucht, hatten aber vorher lange Abstand voneinander benötigt. Die Pause war wichtig. Denn ich wollte nicht mehr. Ich wollte gar keine Musik mehr machen. Keine öffentliche Musik jedenfalls. Privat spiele ich sicher Gitarre, bis ich tot umfalle. Aber so hatte ich den Kanal voll. Der Spaß war uns allen ein bisschen flöten gegangen. Und bei mir am meisten. Aber jetzt hab ich wieder Spaß. (grinst) Wie Bela inzwischen schon in einigen Interviews erzählt hat, hatte ich irgendwann mal angefangen Musik aufzunehmen. Und als wir beschlossen, weiterzumachen und mit dem Songwriting anfingen, sagte ich Bela: ich hab hier schon mal was vorbereitet. Deswegen hatten wir so viel Material, das nun für zwei Platten reicht.

Es soll zwischen euch heftige Streitigkeiten gegeben haben. Als Konsequenz sollst Du sogar alle deine Gitarren verkauft haben.
Nicht alle, aber sehr viele. Ich dachte wirklich: das war‘s jetzt! Ich hab ja auch lange genug Musik gemacht. Ich habe meine Gitarren nach und nach verkauft und vieles davon gespendet. Ich hab die für einen guten Zweck auf eBay versteigert. Zwei hab ich privat weggegeben. Die hätte ich nicht verkaufen dürfen, der Mensch hätte mich umgebracht. (lacht) Ich hab dann auch tatsächlich was ganz anderes angefangen, was mal nichts mit Musik zu tun hat. Aber darüber möchte ich noch nicht reden. Jetzt sitzen wir hier!

Etwa Reisebücher schreiben?
Nee. Tatsächlich gab‘s einen Verleger, der sehr an mir interessiert war. Der meinte: Mensch, du kannst doch schreiben! Dazu muss ich sagen: nein, kann ich nicht. Drei Minuten vielleicht. Aber schon bei fünf wird’s schwierig! Ich bin kein Langstreckenmann.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 25 (Herbst 2021).

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