Selig
Sven Sindt

Selig

Der Blick des Astronauten auf die Erde
Selig sind die Zurückwinkenden.

Einen Liebesbrief an den Planeten haben Selig mit „Myriaden“ verfasst, ein beseeltes, nostalgisch besetztes und dennoch kraftstrotzendes Protestalbum. Das hier sind nicht mehr die Selig, die Mitte der Neunziger den Siegeszug der deutschsprachigen Rockmusik anführten, das sind auch nicht die Selig, die 2017 mit „Kashmir Karma“ glänzen konnten. Das hier ist wieder eine neue Band, wenn auch aus alten Freunden, geeint durch die Sorge um diese Welt und einen trotzigen Optimismus. Sänger Jan Plewka in einem ehrlichen, ungeschminkten Interview.

Jan, auch wenn Du die Frage nicht mehr hören kannst: Wie geht es Selig in der Pandemie?
Uns geht es noch gut. Während des ersten Lockdowns konnten wir in Ruhe und ohne Ablenkung im Studio arbeiten, das war ein neues Gefühl. Keine Termine, keine Partys, keine Abende in der Kneipe. Keine Frage, auch wir wollen mit den neuen Stücken so schnell wie möglich live auftreten, aber wir begreifen diese seltsame Zeit jetzt einfach als sehr langes Vorspiel. Unser Mantra ist: positiv bleiben.

Gelingt Dir das auch persönlich?
Ich bin da eher manisch. Zu Tode betrübt, dass ich nicht live spielen kann, aber Himmelhoch jauchzend, dass so viel Zeit für die Familie da ist.

„Myriaden“ steckt voller Geschichten, voller großer Zusammenhänge und kleiner Anekdoten. Was bedeutet es Dir, wenn Menschen Dir eröffnen, dass ihnen Deine Lieder durch eine schwere Zeit geholfen haben?
In Hamburg fahren die Elbfähren in ihrer jeweiligen Richtung aneinander vorbei. Wenn ich auf einer der Fähren stehe, winke ich gerne den Leuten auf der anderen Fähre zu, auch wenn ich deren Gesichter gar nicht erkennen kann. Wenn die Menschen zurückwinken, ist das ein tolles Gefühl, weil man direkt merkt, dass man existiert. Menschen bedanken sich auf offener Straße bei mir dafür, dass eines meiner Lieder sie durch den größten Liebeskummer ihres Lebens getragen hat, bei einer Hochzeit oder Beerdigung lief. Dass meine Lieder zu diesen großen Emotionen oder universellen menschlichen Festen gespielt werden, zeigt mir, dass das hier meine Bestimmung ist. Als die Pandemie anfing und ich mich in Schweden einigelte, stellte ich mir die Frage, was ich machen könnte, wenn ich nie wieder auf einer Bühne stehen dürfte. Ich dachte an Bildhauerei, fing dann aber doch gleich wieder an, Lieder zu schreiben. Damit habe ich die meisten Menschen in meinem Leben glücklich macht. Und auch daran merke ich, dass ich existiere.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 23 (Frühling 2021).

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