Mine
Simon Hegenberg

Mine

„Ich bin sehr analytisch“
Mine und die Verschrobenheit der menschlichen Psyche.

Mine sitzt in ihrem Berliner Esszimmer und spricht über ihr neues Album „Hinüber“. Vielleicht weiß sie es in diesem Moment gar nicht, aber sie hat mit Mut, Vision und einem Händchen für dunkle Dramatik einen starken Kandidaten für das deutschsprachige Popalbum des Jahres vorgelegt.
So viel wie Mine traut derzeit eigentlich niemand dem Korsett der Popmusik zu. Und das sollte ganz unbedingt Schule machen.

Der dramatisch aufwallende Opener „Hinüber“ wird nicht nur durch Deinen Gast Sophie Hunger zum theatralischen Meisterwerk. Auch die Zeile „Der Mensch ist so ein argloses Geschöpf“ wird im Widerschein des kritischen Brandbriefes an uns alle zum fesselnden Mantra …
Dabei hieß diese Zeile ursprünglich noch „Der Mensch ist so ein dummes Geschöpf“, das knallt so schön. Aber „dumm“ lässt sich einfach nicht schön singen. (lacht) Also stolperte ich irgendwann über das Wort „arglos“ und war sofort begeistert. Es klingt dann doch ein wenig eleganter.

Diese wuchtige, epische Einlaufmusik scheint neu. Der Vorgänger „Klebstoff“ ging da vergleichsweise heiter und beschwingt los.
Ich find’s schon geil, wenn es gleich am Anfang knallt. Das mag ich auch als Hörerin. Ein dramatischer Auftakt holt dich sofort ins Album, du bist voll dabei. Als der Song fertig produziert war, wusste ich deswegen auch sofort, dass er der Opener sein wird. Es hat so etwas Mächtiges.

Mit existentiellen, aufwühlenden Songs wie „Tier“ zeigst Du in drei Minuten, was Pop alles kann. Traust Du diesem Format mehr zu als die meisten anderen?
Ich denke wenig über das Format oder die Wirkung nach. Ich kenne viele Songwriter, die immer sehr genau abklopfen, ob das zu verschroben ist oder zu einfach. Konkret genug, gut genug. Ich will gar nicht verstanden werden. Ich freue mich natürlich, wenn die Menschen damit etwas anfangen können, aber deswegen mache ich nicht Musik. Die Musik ist mein Traum, den ich mir erfülle, mein Versprechen, etwas anderes mit meinem Leben zu machen.

Wer „Hinüber“ aufmerksam hört, bemerkt den feinen Sinn für Dramaturgie. Kein Song scheint zufällig an seinem Platz, es wogt und wallt. Ist es eigentlich viel Arbeit, Dich auf eine Reihenfolge der Lieder festzulegen?
Ich lege großen Wert auf eine Dramaturgie, ja, doch so eine Tracklist kann in der Tat eine große Herausforderung sein. Manchmal sitze ich ewig an der richtigen Reihenfolge. Bei „Hinüber“ ging es allerdings total schnell. Ich will, dass die Leute durch mein Album getragen werden, dass es sie zu jeder Zeit bei Laune hält, aber auch nicht zu krass hin- und herschwingt. Deswegen schreibe ich auch keine Konzeptalben. Ich schreibe Songs, die für sich stehen. Und irgendwann den Charakter eines Albums bilden.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 23 (Frühling 2021).

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