Punkrock GDR
Ilse Ruppert

Punkrock GDR

Im tiefsten Untergrund
Ein Sampler widmet sich der DDR-Punk-Szene, wenn auch nicht umfassend.

Punk war wütendes Aufbegehren. Gegen eine nach der 68er-Hippiewelle erneut erstarrte Gesellschaft, gegen den aufkommenden Neokonservatismus. Vielleicht ist Maggie Thatcher ja die Mutter der Bewegung: Die Langhaarigen waren gezähmt, die Etablierten richteten sich wieder ein.

Hörbar wurde das als schräger Gegenentwurf zum Kunstrock der etablierten Band-Dinosaurier, die den Rebellen-Beat der 60er zu ausufernden Kunstepen verschwurbelt hatten. Plötzlich gab’s wieder drei Akkorde und den Refrain voll auf die Fresse. Am Anfang begriff kaum jemand, dass eine Revolution losgebrochen war, doch nur kurze Zeit später fand sich die Popkultur gründlich durcheinandergewirbelt. Fast jeder kam damit in Berührung, viele wurden infiziert. Den meisten war es ein lärmender Jugendspaß, etlichen wurde es zum anarchischen Kampfinhalt gegen bürgerliche Konvention, nicht wenige fanden im Punk eine Philosophie und richteten ihr Leben darin ein.

So ausdifferenziert konnte das freilich nur auf der westlichen Seite der Mauer betrieben werden. Auf der anderen, wo das Bauwerk mit „antifaschistischer Schutzwall“ beschriftet war, stellte sich das ungleich unflexibler dar. Individuelle Spielräume waren eng im Osten. Eine Zeitlang den Bürgerschreck zu spielen und dann geläutert die Karriere fortzusetzen war zwar nicht unmöglich. Aber die roten Linien waren allgegenwärtig, sie schlossen lückenlos. Wurden sie überschritten, waren biographische Entwicklungswege abgeschnitten. Punk im Osten real zu leben war nicht Laune, sondern eine Entscheidung mit Folgen. Das mochte mit spielerischem Anecken an Konventionen begonnen haben, doch es wurde rasch zur steten Konfrontation mit einer völlig humorlosen und ebenso unzimperlichen Staatsmacht. Die sich in diesem Fall ausnahmsweise Otto Normalverbrauchers Wohlwollen erfreuen durfte, denn Mehrheiten waren schon immer gegen alles, was anders aussieht. Gab es in den Metropolen noch Schutzräume, wenigstens Sicherheit in Gruppen, so waren Punks in ländlichen Gegenden, vor allem auf den örtlichen Diskotheken (gerne wahrheitsnah „Nahkampfdielen“ genannt) regelmäßig der handfesten Kritik der Volkmassen ausgesetzt (das betraf auch andere alternative Randgruppen, etwa Gruftis; Metaller wurden meist in Ruhe gelassen).

Aufzuhalten war die Bewegung aber auch im Osten nicht. Sie war hier ebenso differenziert wie im Westen: Es gab viele junge Leute mit Spaß an Anderssein und Party, dazu Anarcho-Idealisten mit einem verabsolutierten Freiheitsbegriff, und jene, die Punk vor allem als Kunstform begriffen. Es gab die gewitzten Provokateure und die robusten Jungs mit Spaß an Ärger und Krawall. Und es waren nicht wenige auf einem Untergangstrip, der jede Konfrontation suchte.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 22 (Winter 2020).

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