Joy Denalane
Ulrike Rindermann

Joy Denalane

Soulpower
Joy Denalane wechselt vom Gleisdreieck zu Motown.

Das schönste Soulalbum des Jahres kommt nicht aus den Vereinigten Staaten. Nicht einmal aus Großbritannien. Es kommt aus Berlin. Und Joy Denalane ist dafür verantwortlich – auch wenn es ein langer Weg war.

Als wir das erste Mal miteinander sprachen, vor 18 Jahren, zum Anlass der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Mamani“, schlief ihr junger, kleiner Sohn Isaiah im Nebenraum und wir flüsterten, um ihn nicht zu wecken. Die kleine Kochnische des Hotelzimmers war voller Kaffeetassen, ein nicht aufgegessener Fruchtsalat stand mitten in dem Chaos des Tisches. Doch natürlich bestimmte Joy Maureen Denalanes Präsenz die kleine Suite. Joy ist eine große Frau und ihr sowieso nicht geringes Charisma wuchs mit den Dingen, die man über sie erfuhr. Wenn man ihr gegenüber saß, spürte man ihre Kraft und ihren Willen, doch ebenso ihre Wärme und Intelligenz. Sie war nur sie selbst und das genügte. Dabei bestand und besteht diese Stärke vor allem darin, dass sie zeigen kann, dass sie ebenso schwach ist wie jeder andere auch und ebenso verletzlich. Und das ist, ganz simpel gesagt, die Basis von Soulmusik.

Joy wurde 1973 in Kreuzberg geboren und ist am Gleisdreieck aufgewachsen (wie jeder spätestens nach ihrem letzten Album „Gleisdreieck“ weiß). Ihre Mutter stammte aus Heidelberg und ihr Vater aus Südafrika, doch Joy wuchs im Mikrokosmos des alten Westberlin auf. Sie war neunzehn Jahre alt, als sie sich überreden ließ, an einem Vorsingen teilzunehmen und entdeckt wurde. Was nun folgte, war jedoch die tausend Mal gehörte Geschichte: Manager wollten sie zu einem einfachen Popstar formen, eine Art Wegwerfkünstlerin, Fast-Food-Musik mit ihrem Gesicht. Sie stand vor einer Karriere, bei der sie nichts zu sagen gehabt hätte. Doch in dieser Phase begegneten sich Joy und der damalige Freundeskreis-Frontmann, Rapper und Produzent Max Herre, und sie nahmen für das zweite Freundeskreis-Album den Song „Mir dir“ auf. Das Lied wurde ein Hit, die beiden wurden zu einem Paar. Kurze Zeit später unterschrieb Joy bei einen Plattenvertrag und sie nutzte die Gelegenheit und Freiheit: „Mamani“ war eine Spiegelung ihres Lebens und stieg auf Platz 8 in die Charts ein.

Seitdem sind fünf weitere Alben erschienen, die sich alle in der weiten Welt zwischen R&B, Soul, HipHop und ihren so nahen afrikanischen Einflüssen bewegten. Doch jetzt kommt „Let Yourself Be Loved“, ein absolut außergewöhnliches Werk, denn es ist ein echtes Soulalbum im klassischen Sinne, das sich an den größten Künstlern aus der goldene Phase des Genres orientiert. Und dass Joy damit Erfolg hat, beweist ein simpler Fakt: Dieses Album wird in den USA bei Motown erscheinen. Und da gehört es auch hin.

Wenn du irgendwo einen Anfang für „Let Yourself Be Loved“ setzen müsstest …
… dann wäre 2015 nicht schlecht. Ich bin dafür nach New York gegangen und habe angefangen, an „Let Yourself Be Loved“ zu schreiben. Ich hatte ein Komponisten- und Produzententeam dort und habe auch zwei Texter mitgenommen – einer war Sékou Neblett, mit dem ich schon immer zusammen schreibe, und der auch schon bei Freundeskreis gewesen ist, und der andere ist ein Singer/Songwriter und Musiker namens Sway Clarke, der eigentlich aus Toronto stammt, aber ewig in Berlin lebt. Auch das Konzept war mir da schon recht klar: Ich wollte eine Soulplatte machen, die so nah an diese Art Soul herkommt, an die ich zurückdenke, die Art Soul, die ich hörte, als ich überhaupt anfing Musik wahrzunehmen – vor allem also den Sound der späten Sechziger und Siebziger. Wir sind auch schnell voran gekommen, es war sehr ergiebig, voller Freude und Spaß. Doch dann ging es an die Produktion … und da begann das Problem. Es klang nicht so, wie ich es wollte. Es war nah dran – aber trotzdem daneben! Ich wollte da nicht schludrig werden, aber ich wusste mir auch nicht zu helfen. Ich wusste nicht, mit wem ich das, was ich mir vorstellte, umsetzen sollte. Also habe ich das ganze Projekt bei Seite gelegt und etwas ganz neues angefangen.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 21 (Herbst 2020).

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