Rammstein
Gunnar Leue

Rammstein

Sie sind wieder da
Längst mehr als eine Provokation: Die große Kunst von Rammstein.

Sie sind zurück und wirklich jeder dürfte es mitbekommen haben. Ihr selbst betiteltes Album ist größer als alles, was die Berliner bisher produziert haben. Und ist der Brennstab einer großen Inszenierung.

April 2019: Noch bevor der erste frische Rammstein-Ton seit vielen Jahren draußen ist, gibt es Ärger. Viel Ärger. Ein Trailer zum Video zu „Deutschland“ zeigt die Musiker als KZ-Häftlinge am Galgen. Boulevard (und in Teilen auch das Feuilleton) nehmen den Ball, hingerollt von Band, Promoagenturen und Plattenfirma, beinahe pflichtschuldig auf und empören sich. Natürlich, Rammstein sind kommerziell eine Macht – wenn die Berliner ein Album veröffentlichen, klingeln die Kassen, und wenn diese als Konzerte getarnten Spektakel angekündigt werden, kollabieren die Server der Ticketanbieter. 800.000 Tickets alleine für die anstehenden 13 Shows im deutschsprachigen Raum waren im April innerhalb von Stunden ausverkauft. Es wäre ein Leichtes gewesen, den gewaltigen Verteiler an Fans und Interessierten mit ein paar locker platzierten Facebook-Postings und ein, zwei soliden Videos in helle Aufregung zu versetzen. Aber Rammstein sind halt Rammstein – und deshalb muss man sich eben auch mit einem gewaltigen Knall zurückmelden. „Deutschland“ war dieser Knall. Rammstein sind wieder da, sorgen für Ärger und Kopfschütteln, Begeisterung und Aufruhr. Ein Neubeginn unter lautem Getöse.
Der Song selbst ist isolierte Rammstein-DNA, das opulente Video mehr Kurzfilm als Musikclip, eine Materialschlacht und ein Parforceritt durch die Geschichte der Deutschen: die Schlacht im Teutoburger Wald, eine Ordensritter-Sequenz, Stasi, RAF, Drittes Reich. Jede Menge Explosionen, viel Blut, Gewalt und Dekadenz untermalen die unheilvoll gelindemannten Zeilen „Deutschland, mein Herz in Flammen/ Will dich lieben und verdammen/ Deutschland, dein Atem kalt/ So jung und doch so alt/ Deutschland!“

Wie zu erwarten und in solchen Fällen üblich, schadet die Empörung dem Produkt (respektive der Kunst) nicht. Nach wenigen Wochen knackt das Video (trotz Altersbeschränkung) auf YouTube die 50-Millionen-Views-Grenze, der Song beschert Rammstein die zweite Single-Nummer-eins ihrer Bandgeschichte. Ein bisschen Empörung, ein bisschen Skandal ist am Ende des Tages eben immer noch die beste Promo. Gerade, wenn man sie geschenkt bekommt, denn die wenigen Sekunden der KZ-Inszenierung taugen im Kontext der über neun Minuten langen Generalabrechnung mit der Verherrlichung der wohligen Deutschtümelei kaum als Aufreger. Im Gegenteil. Die Band verzichtete auch gleich ganz darauf, den vermeintlichen „Eklat“ irgendwie zu kommentieren – im Wissen, dass der Song selbst für Rammstein-Verhältnisse ein ungeheuer brachiales Statement gegen eine Vereinnahmung der Band vom rechten Lager ist. Positionierte man sich bisher politisch eher subtil, bisweilen auch ambivalent, gibt es an einem überzeugten „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“ nichts zu rütteln. Auch wenn sich der Magen umdreht bei dem Gedanken, dass manch unangenehmer Zeitgenosse Spaß dabei verspürt, aus den falschen Gründen „Deutschland über allen“ mitzuskandieren: „Deutschland“ ist mal wieder ein Gesamtkunstwerk..

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 16 (Frühling 2019).

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