Vienna Calling
Stefanos Notopoulos

Vienna Calling

Vienna Calling
Tradition, Wiener Schmäh und Pop ’n’ Roll – Ein Trip in Österreichs aktuelle Musikszene.

Verfolgt man das musikalische Geschehen in Österreich, kommt man zurzeit nicht aus dem Staunen heraus. Denn hinter den Wandas und Bilderbuchs des Landes steht eine blühende und vielfältige Szene. Deshalb haben wir uns in der Redaktion gedacht, uns mal direkt vor Ort umzusehen – und umzuhören.

Dass Wien eine der schönsten und musikhistorisch interessantesten Metropolen Europas ist, muss man niemanden mehr sagen, und dass man dort den besten Ausgangspunkt hat, um die aktuelle Musikszene Österreichs zu beleuchten und Neues zu entdecken, ergibt ebenfalls Sinn. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um frische Eindrücke zu gewinnen und die interessantesten MusikerInnen auf einen Zweispänner oder Bier zu treffen. Und sollte dem Leser dieses Textes im Laufe der Zeit die häufige Erwähnung von Wiener Kaffeehäusern auffallen, ist das deswegen auch nicht als verstecktes Produktplatzieren zu verstehen, denn wer Wien mag und kennt, weiß um seine einzigartige Kaffeehauskultur. Viele Cafés in Wien umgibt ein sehr besonderes Flair, sie sind interessante, teils geschichtsbeladene Orte der Kommunikation, der Inspiration und vieler alltäglicher Geschichten. Und die Künstler dieser Stadt, und manchmal den ganzen Landes, holen sich hier ebenfalls ihre Dosis Leben und Koffein.

Wie auch schon bei unserer ersten Verabredung mit einer jungen, sympathischen Künstlerin, die mit ihrem Debütalbum gerade die Herzen vieler Österreicher berührt. Zum Frühstück im „Café Turnhalle im Brick5“, einer ehemaligen Turnhalle im Hinterhof, trafen wir


INA REGEN

„Wie foit ma hi und mocht si nix draus? Wos dearf ma hoffn, wenn ma goa nix mea was?“ Es liest sich schwieriger als es sich gesungen anhört! Diese Zeilen entstammen dem Lied „Wie a Kind“ von Ina Regen. In dem dazugehörigen Video sieht man Ina barfuß am Flügel singen, keine technische Verstärkung. Nur sie. Das Klavier. Und ihre Stimme. Verletzlich und gleichzeitig stark. Und das empfanden viele Menschen so – der Song erreichte in kurzer Zeit über zwei Millionen Views, gerade weil es so leise, so verletzlich und gleichzeitig kräftig und emotional ist. Dieses Lied war anders, und genau deshalb kam es so an. Und es kam wie aus dem Nichts – was jedoch nicht für die Sängerin gilt.

Denn Ina Regen ist von Musik umgeben, seit sie denken kann und schon im Alter von drei Jahren verkündete sie am elterlichen Küchentisch, dass sie Akkordeon lernen möchte. Nichts Ungewöhnliches an sich, denn sie stammt vom Land, dort wo Blasmusik und Volksliedchöre immer präsent sind – man ist der Tradition verpflichtet. Doch übte Ina auch sehr früh am Klavier der Schwester mit, erst schaute sie zu, dann machte sie es nach. Mit 16 Jahren sang sie im Musical-Verein. „Bei uns auf dem Land ganz selbstverständlich“, sagt sie. Um die Musik als Beruf anzustreben?, frage ich. „Erst als es darum ging, wie richte ich mein berufliches Leben aus? Soziologie oder Publizistik fühlten sich für mich nicht wie mein Beruf an“, lacht sie. Ina bewarb sich stattdessen für die Aufnahmeprüfung eines Jazzgesangsstudiums. Doch der erste Anlauf schlug fehl.

Aber die Geschichte zwischen Ina Regen und der Musik war noch lange nicht zu Ende erzählt, denn ein Jahr später hat sie die Prüfung noch mal absolviert – und bestanden. Eine der Prüferinnen erinnerte sich an sie, und meinte: „Schön, dass du wieder gekommen bist. Es war sehr knapp beim letzten Mal …“ „Das Eintauchen in diese Welt der Musik war damals sehr flashig für mich“, bekennt sie heute. „Ich habe Jazz und improvisierte Musik studiert, bin mit Avantgarde und Freejazz in Berührung gekommen“, doch im Studium brauchte Ina eine Weile, um ihren Platz zu finden. Sie sah es nicht unbedingt als kreative Spielwiese, „eher als unsicheres Glatteis“. „Manchmal denke ich, es war etwas zu früh für mich. Jetzt entdecke ich gern neue musikalischen Welten – damals war ich manchmal etwas überfordert.“ Sie merkte, „dass ich mich viel mehr im Pop zuhause fühle. Die Reduktion übte auf mich einen großen Reiz aus. Es passiert oft in der Popmusik, dass ein Song nur mit zwei bis vier Akkorden eine Welt eröffnen kann.“

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 14 (Herbst 2018).

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