Comedian Harmonists
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Comedian Harmonists

Eine aparte Spezialität
90 Jahre Comedian Harmonists.

Als der 21-jährige Harry Frommermann aus Berlin-Friedenau nach Sängern und einen Pianisten suchte, um eine Gruppe im Stile der amerikanischen Revelers (eine Art flotter a cappella mit Klavierbegleitung) zu gründen, war wohl kaum abzusehen, dass ihre Popularität bis heute ungebrochen sein würde. Ob „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Wochenend und Sonnenschein“ und „Veronika, der Lenz ist da“ – diese Lieder kennt jeder. Die Karriere der ersten Popstars Deutschlands begann vor genau 90 Jahren.

Alle Hoffnung lag in diesem Frühsommertag im Juni 1928: Sechs junge Männer, die sich seit wenigen Wochen Melody Makers nannten, hatten seit Monaten geprobt – nun hatten sie die Chance bekommen, sich im Scala in Berlin-Schöneberg vorzustellen. Die Scala mauserte sich schnell nach der Eröffnung 1920 zu einer der wichtigsten Bühnen, „… und abends in die Scala“ hieß der noch heute geläufige Werbespruch, und auf den Ansichtskarten des Hauses zeigte sich ein opulenter Saal, der 5.000 Plätze fasste. Darunter stand „Die größte Varieté-Bühne Europas“. Hier witterten fünf Sänger und ihr Pianist die Chance, die Idee, eine Gesangsgruppe im Stile der amerikanischen The Revelers zu etablieren, Wirklichkeit werden zu lassen. Doch den Scala-Veranstaltern gefiel ihr Vortrag nicht. Er passe nicht zum Stil des Hauses, hieß es lapidar. Niedergeschmettert verließ das Sextett das Vergnügungslokal.


Doch aufgeben ging ebenso wenig. Die letzten Monate waren voller Entbehrungen gewesen, denn vor allem finanziell sah es bei den Künstlern düster aus. So musste – kennen Musiker und andere Lebenskünstler ja heute noch – nebenbei gejobbt werden. Deshalb entpuppte sich die Probenkoordination als völliges Chaos. Also besser nachts proben. Doch bei Harry Frommermann in Berlin-Friedenau ging es ebenso wenig wie bei den anderen, ohne die Nachbarn zu stören. Aber er hatte da eine gute Bekannte mit eigenem Haus und großen Salon, in dem auch noch ein Flügel stand. Plus: sie war in der warmen Jahreszeit sowieso in ihrem Domizil auf Hiddensee. Die Melody Makers konnten nun nachts proben – im Haus des Stummfilmstars Asta Nielsen.

Harry Frommermann war es auch, der im Berliner Lokal-Anzeiger eine Anzeige aufgab, die am 18. Dezember 1927 erschien: „Achtung. Selten. Tenor, Bass (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schönklingende Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht.“ Etwa 70 Männer kamen zum Vorsingen in die Stubenrauchstraße 47 (Heute erinnert dort am Haus eine Berliner Gedenktafel an die Anfänge der Sänger). Doch trotz der enormen Resonanz waren nur wenig Stimmen dabei, die Frommermann gefielen. Er machte es sich aber auch nicht einfach, weshalb später nicht wenige behaupteten, zu den Gründungsmitgliedern zu gehören. Lediglich von einem war Frommermann sofort begeistert: Robert Biberti faszinierte mit seiner außergewöhnlichen Bassstimme. Biberti war es auch, der Frommermann seine zwei Chorkollegen Roman Cycowski und Ari Leschnikoff vorstellte. Letzterer brachte wiederum den Pianisten Erwin Bootz mit. Als letztes Mitglied kam Erich Collin im März 1929 als zweiter Tenor dazu, er löste seinen Vorgänger Walter Nußbaum ab.

Jetzt kamen noch gute Verbindungen dazu: Bruno Levi war in den ausgehenden 1920er Jahren ein Hans Dampf in allen Gassen der Theater- und Künstlerbranche. Mit allen Lokalbesitzern war er auf du und du – und er war ein entfernter Verwandter von Harry Frommermann. Connection-Levi ließ sich ein wenig bitten, dann aber hörte er sich den Vortrag der Melody Makers an, erkannte das Potential, rief sofort Erik Charell an und pries die Gruppe als die deutschen Revelers an. Charell galt als Berliner Varietékönig, seine Inszenierungen waren ein Garant für volle Häuser. Wer von ihm engagiert wurde, hatte – zumindest vorläufig – ausgesorgt. Auch Marlene Dietrich zählte einmal zu den Glücklichen. Charell zeigte sich begeistert, doch Levi lehnte dankend ab und fuhr mit den Melody Makers zum Operettenregisseur Herman Haller, einzige ernstzunehmende Konkurrenz zu Charell und schon seit 1923 Direktor des Admiralpalastes. Noch während des Vortrages bei Haller brachte ein Kurier ein Schreiben Charells vorbei, dass er auf jeden Fall die doppelte Gage bieten würde. So engagierte schließlich doch Charell die aufstrebenden Künstler für seine Operette „Casanova“, aber er hatte noch ein Problem. Nämlich den Gruppennamen. Er schlug Comedian Harmonists vor. Die Premiere fand am 28. September 1928 statt und wurde ein großer Erfolg: Fünf Monate lang war jeden Abend ausverkauft. Die Deutsche Tageszeitung schrieb: „Eine aparte Spezialität sind die Comedian Harmonists, eine Truppe von Brumm- und Säuselsängern, die Musikinstrumente und Jazzkapelle verblüffend originell imitieren.“

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 14 (Herbst 2018).

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