Gundermann
picture alliance/Rainer Weisflog

Gundermann

Baggerfahrer, Rockpoet, Kinoheld
Der legendäre Gundermann kommt als Film von Andreas Dresen ins Kino.

Linker Radikalist, kleinbürgerlicher Egoist, Karrierist, verfolgt terroristische Ziele ... klingt interessant, was die Kreisparteikontrollkommission Spremberg da 1979 im SED-Ausschlussverfahren gegen den Genossen Gundermann vorbrachte. Selbst für DDR-Bürger ohne Parteibuch wäre das eine Menge Holz für einen hübschen Scheiterhaufen gewesen. Über so einen Menschen müsste eigentlich ein Film gemacht werden. Wurde nun auch, der Regisseur Andreas Dresen hat sich darum gekümmert. Im August kommt „Gundermann“ in die Kinos, samt mitwirkender Stars wie Axel Prahl, Bjarne Mädel, Anna Unterberger und in der Hauptrolle Alexander Scheer, bekannt aus Film und Volksbühne und von diversen Bandprojekten.

Und man muss sagen: Wie er ihn spielt, spielt er ihn nicht nur gut, sondern so, dass man glaubt, den echten Gundermann zu sehen. Nicht nur äußerlich, so mit Brille und Fleischerhemd im hageren Körper, sondern in der ganzen innerlichen Ambivalenz: dem verbissenen, manchmal schnodderig-naiven Blick des Weltanschauers, der nicht versteht, dass die anderen nicht genauso ticken wie man selbst und dem poesievollen Gemüt, der auf die Frage von Baggerfahrerkollegin Helga „Warum musst du überhaupt singen?“ entgegnet: „Warum kocht eener?“

Ja, warum kocht eener? Um was zu essen, das vielleicht besser schmecken soll. Aber Gundermann ist kein Gourmet oder einer, der sich Kochsendungen im Fernsehen anguckt, um die nachzukochen und sich von der Begleitlaberei unterhalten zu lassen. Gundermann ist weder einer, der unterhalten werden will, noch Unterhalter. Er ist jemand, der mit seiner Musik etwas ausdrücken will, seine Gedanken, Gefühle, seine Weltanschauung, die früh auf dem korrekten sozialistischen Klassenstandpunkt basierte. „Wenn es die Weltanschauung nicht schon gäbe, hätte ich auch selber draufkommen können“, sagt er völlig im Ernst vor seinen Kollegen während des Aufnahmegesprächs für seinen Eintritt in die Staatspartei SED. „Die Ideale des Kommunismus sind auch meine.“ Das ist zwar nicht total außergewöhnlich gewesen für einen jungen Menschen, der in der DDR aufgewachsen ist, aber ganz normal war es schon gar nicht mehr ein gutes Jahrzehnt vor dem Ableben der DDR. Vor allem viele junge Leute hatten keinen Bock mehr, das (offizielle) Loblied auf den Sozialismus, geschweige denn den Kommunismus anzustimmen. Für Gerhard Gundermann, der als 12-Jähriger mit seiner Mutter aus Weimar nach Hoyerswerda zog, war das im wahrsten Sinne kein Problem. Früh ging er in den lokalen Singeklub. Dass er Che Guevara toll fand, okay, das ging vielen so. Dass er aber eine Offizierslaufbahn einschlug, um auch ein „Soldat der Revolution“ zu sein, das war nicht nur ungewöhnlich, das war schon seltsam. Und ein früher Fingerzeig auf seine ebenso kompromisslose wie ambivalente Art, die ihn für viele zum Spinner machte. Von der Offiziersschule verabschiedete er sich denn auch, nachdem er sich geweigert hatte, ein Loblied auf den amtierenden DDR-Armeegeneral zu singen.

Wurde er eben Hilfsarbeiter im Tagebau Spreetal und dann eben Baggerfahrer, nebenbei immer die Musik im Sinn, als Schlagzeuger im Liedermacher-Kollektiv Brigade Feuerstein, wo er auch klar machte, dass er beim Kampf für eine bessere Welt, für ihn also Sozialismus, keinen Spaß verstand. „Kein Humor“, nannte er selbst mal seine peinlichste Eigenschaft. Wer nach seiner Ansicht den Sozialismus schädigte, den zählte er an. Nachzulesen in den Akten, die er als IM „Grigori“ mit Auskünften füllte. Ein Stasi-Offizier, hervorragend gespielt von Axel Prahl, hatte ihn angeworben. Man bräuchte einen Mann des Vertrauens, wenn man alle Mitglieder der Brigade Feuerstein in den Westen fahren lassen wolle. Wie man sieht, hatte Gundermann keine Gewissensbisse, ein Mann des Vertrauensbruchs gegenüber seinen Musikerfreunden zu sein. Gewissenhaft ging er seiner IM-Tätigkeit nach, um darauf hinzuwirken, dass nicht nur ausgewählte Mitglieder seines Singeklubs die Westtourneen mitmachen dürften, sondern alle. Andererseits verpetzte er privateste Dinge, die er als feindliches kleinbürgerliches Verhalten betrachtete. Was ihn im Film, der mehrfach zwischen den Zeitebenen wechselt, nach Durchsicht seiner Täterakte den Satz sagen lässt: „Ich hatte auch ein anderes Bild von mir, ich bereue am meisten den Verrat an mir selber.“

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 13 (Sommer 2018).

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