Element of Crime
Charlotte Goltermann

Element of Crime

Die gute Balance
Für Element of Crime gilt: Man hat nur eine Band im Leben.

Lustig, hässlich oder schön, Tiefsinn oder Spinnerei – auf den ersten Blick sieht bei ihnen alles immer nach Verweigerung aus. Doch genau wegen dieser Sperrigkeit lebt und spielt diese Band auch nach 33 Jahren noch genau ihr Ding. Da kann auch die Digitalisierung nichts dran ändern.

Anfang der 80er Jahre in West-Berlin: In der kreativen Subkultur herrscht ungebremste Aufbruchstimmung. Punk und New Wave liefern das illustere Klangbild zum Einheitsgrau der geteilten Stadt. Einer der Gründe für den Musiker Sven Regener, aus Hamburg nach Berlin zu ziehen, um Mitstreiter zu suchen. Ihre Band benennen sie 1985 nach dem Kultfilm „The Element of Crime“ von Lars von Trier. Doch erst nach vier englischsprachigen Alben und dem Wechsel zu deutschen Texten gelingt ihnen 1991 der Durchbruch. Streicher, Bläser und ein Akkordeon halten Einzug in die Songs und die Berliner etablieren ihren bis heute unverwechselbaren Stil, der das Erbe Weillscher Chansons mit ihren Indie-Wurzeln verknüpft. „Kunst braucht Risiko“ ist das Motto, das sich über die drei Dekaden ihrer Kariere zieht. Es gibt wenig Vergleichbares, keine andere deutschsprachige Band, die diese eigenartige Mischung aus Folkrock und Blues, Artrock und Kinderlied, krachenden Orgien und schmalzig klingenden Melodien in die Musikwelt einziehen ließ, anscheinend ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, ob das gerade in den Zeitgeist passt oder nicht, ob das einer versteht, ob sie das überhaupt selber verstehen, ob das nun traurig oder lustig, hässlich oder schön, Tiefsinn oder Spinnerei ist. Sie weigern sich, immer das Gleiche zu machen und sie weigern sich, sich neu zu erfinden und sie lassen sich nicht festnageln. Aber das kann nicht das Geheimnis ihres Erfolges sein. Verehrt und geliebt wird man ja für das, was man tut, und nicht für das, was man lässt. Und so entsteht ein anderes Bild von Element of Crime – Das einer Band, die einen so unverwechselbaren Stil in Sachen Song, Sound und Haltung hat, dass man nur aus zwei Möglichkeiten auswählen kann: Man kann das mögen oder eben auch nicht.

Anfang Oktober erscheint ihr 14. Album, „Schafe, Monster und Mäuse“.  Es ist der Titel eines Songs auf dem Album, der von Träumen erzählt, der Welt „hinter geschlossenen Lidern“, in der eigene Gesetze gelten, diktiert vom Unterbewusstsein, kontrolliert und durchkreuzt vom Über-Ich. Eine gute Metapher für das poetische Prinzip bei Element of Crime: Die musikalische und textliche Arbeit mit Assoziationen, unterbewussten und improvisierten, das Arbeiten mit und das Durchbrechen von bekannten musikalischen Mustern, das Kaleidoskop der Klangfarben und Melodien, das ganze psychedelische Instrumentarium halt, mit dem diese Band seit so langer Zeit unverwechselbar hantiert. „Schafe, Monster und Mäuse“ ist ein langes, sehr psychedelisches Album geworden, laut eigener Aussage das längste in der Bandgeschichte. Es ist, als wollten sie das von ihnen seit eh und je präferierte und geschätzte Albumformat in Zeiten von Streaming, Download und Co. bis auf das Äußerste ausreizen, es im Zuge des stetigen Wandels noch einmal mit unverklärtem Blick zelebrieren. SCHALL. traf Sänger Sven Regener, Gitarrist Jakob Ilja und Schlagzeuger Richard Pappik kurz nach der Fertigstellung und einem exklusiven Vorabhören des Albums Ende Juni im traditionsreichen Berliner Café Einstein.
Euer neues Album erscheint am 5. Oktober. Wir durften vorab schon mal exklusiv reinhören. Es ist nach meinem subjektiven Empfinden ein schönes, aber auch melancholisches Album geworden. Ein Herbst-Album.
Sven Regener:  Ja. Stimmt, dem würde ich nicht widersprechen.

„Schafe, Monster und Mäuse“ wird es heißen. Wie kommt’s?
Jakob Ilja:  Alle unsere Platten tragen den Titel eines Liedes. Meistens macht Sven einen Vorschlag, wenn ihm ein besonderer Titel am Herzen liegt. Letztendlich braucht das aber keine große Diskussion. Es bietet sich oft einfach an.
Sven Regener: Es ist schwierig, wenn man einen Albumtitel wählt, der nicht auf einen Songnamen beruht. Denn dann bekommt der Albumtitel einen stärkeren Subtext, wird in der Bedeutung überhöht, als wenn wir alle unsere Songs noch einmal kommentieren oder unter ein Thema stellen wollen. Wenn man das dennoch macht, suggeriert man schnell ein Konzeptalbum, was wir inhaltlich überhaupt nicht versprechen können. Ein Konzeptalbum ist ein ganz anderes Genre, so eine Art Album haben wir nie gemacht. Deshalb ist es mit einem Songtitel der bessere Weg. Und dann muss man gucken, welcher Songname am besten passt. „Schafe, Monster und Mäuse“ ist ganz gut, weil diese Platte etwas Psychedelisches hat. Der Titel selber hat mit Träumen zu tun. Mit Gestalten und Figuren, die durch Träume geistern. Und dieser psychedelische Ansatz passt zu dem Album sehr gut. Ich denke, wer das Album gehört hat, wird sich über den Titel „Schafe, Monster und Mäuse“ nicht wundern.

Wie bedeutsam ist so ein Albumtitel für euch?
Sven Regener: Allzu viel Bedeutung würde ich dem Albumtitel nicht geben wollen. Aber man darf nicht vergessen, dass Plattentitel immer auch einen Marketingaspekt haben, und das ist was, was einen eher stört. Wenn man einen Plattentitel nimmt, der nicht auf einem Songnamen beruht, wird die Marketingargumentation und Debatte mit den Leuten von der Plattenfirma, die es ja im Endeffekt auf den Markt bringen, stärker und das kann nerven. Ganz ähnlich zum Beispiel, nein, noch schlimmer, ist es bei Buchtiteln. Ich weiß, wovon ich da rede. Da hat man ja keine einzelnen Songs, aus den man wählen kann. Das ist eine Schlacht zwischen Autor, Lektor und Verlags-, Vertriebs- und Marketingchef. Das passiert sowohl beim Cover als auch beim Titel. Und das ist das, was man als Künstler versucht zurückzudrängen. In dem man als Künstler nach seinen Möglichkeiten einen Weg wählt, der relativ unangreifbar ist. Weil man ja letztendlich die Aufmerksamkeit auf der Musik haben möchte und nicht auf diesem Marketing- und Imageding.

Wo habt ihr „Schafe, Monster und Mäuse“ aufgenommen?
Richard Pappik:  Aufgenommen haben wir es im Berliner Tritonus Studio. Unser altes Heimstudio sozusagen, wo wir seit den 1980er Jahren aufnehmen. Wir kennen dort die Leute, die Technik und fühlen uns in den Räumlichkeiten wie zu Hause. Im Tritonus geht es uns immer leicht von der Hand.
Sven Regener:  Wir haben ja auch schon in vielen anderen Studios aufgenommen. Aber mit den Jahren lernt man eben, dass es nicht darauf ankommt, an einem anderen Ort zu sein, um mehr Inspiration zu haben. Entweder man hat die Inspiration und es entstehen gute Songs, oder nicht. Dann muss man auch nicht woanders hin. Es ist am besten, wenn man seine ganze Energie darauf verwenden kann, die Songs zu spielen und aufzunehmen. Möglichst an einem vertrauten Ort, in einem sehr guten Studio. Mit sehr guter Technik. Das Tritonus ist eines der wenigen großen Studios in Berlin, die im Zuge des Studiosterbens noch übrig geblieben sind.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 13 (Sommer 2018).

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