Isolation Berlin
Chris Gonz

Isolation Berlin

Das Paradox
Leben in der Großstadt: Isolation Berlin und die hohe Kunst des Frustabbaus.

Das neue Album setzt da an, wo das letzte aufgehört hat: Aggressions- und Urschreitherapie - bei gleichzeitigem tiefen Durchatmen. Mit „Vergifte dich“ kann und muss man sich der Welt und sich selbst stellen.

Auf dem Weg zum Interview – und es ist wieder einer dieser typischen Tage im Januar in Berlin: Die Ausläufer eines Sturms, der sich irgendwo anders richtig austobt, streifen die Stadt, die feuchte Kälte kriecht durch die Klamotten, egal wie man sich angezogen hat. Die Böen pfeffern einem entweder den Nieselregen oder dicke, nasse Schneeflocken ins Gesicht und noch immer verschwindet das gehasste, zermürbende Grau des Winterhimmels viel zu früh – gefühlt kurz nach dem Mittagessen – in die Dunkelheit des Abends, die alles irgendwie auch nicht besser macht. Jeder hat sich unter seiner Kapuze versteckt, doch alle schaffen es, so laut zu sein wie immer. Dafür ist jeder noch rücksichtsloser, denn niemand ist bereit, einen Millimeter von seinem Weg zu weichen, nicht an Tagen wie diesem, wenn einen nur noch der Frust vorantreibt. Vor allem auf den Bahnhöfen der Öffentlichen spürt man es brodeln, und am intensivsten von allen Transportwegen kocht es wieder in der U8. Skeptische Blicke, komische Gerüche, Leute brüllen in ihre Handys. Enge, kurz vor der Panikattacke. Hier ist man mit mehr Menschen zusammen und nie ist man einsamer. Am Ende der Rolltreppen stehen wieder Ignoranten und verursachen furchteinflößende Staus, von denen einer irgendwann in roher Gewalt explodieren wird. In solchen Momenten versteht man sehr genau, woher die Stimmung und die Musik von Isolation Berlin kommen – sie selbst sagten ja schon vor Jahren, dass sie das Paradox leben, an dieser Stadt zu verzweifeln, aber sie doch als ihre zu akzeptieren. Und dabei reden wir bisher nur von den fiesen äußeren Einflüssen. Denn in jedem dieser Menschen ätzt noch das eigene, von sich, dem Leben und der Liebe frustrierte Innere. Weiß aber kein anderer. Deshalb möchte man es an sich jedem dieser Idioten ins Gesicht schreien – damit sie gefälligst Platz machen. Doch nur wenn man eine Band hat und es bei den Aufnahmen und auf der Bühne hinausbrüllt, krächzt und stöhnt, ist es gesellschaftlich akzeptiert. Das ist der eine wunderschöne Vorteil, den man als Künstler hat: Wenn schon 95 Prozent nicht von dem leben können, was sie da tun – zumindest können sie all das rauslassen. Anderseits ist das mit dem „nicht davon leben können“ auch verständlich: Wie viele wollen schon dafür bezahlen, sich anschreien zu lassen?

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 11 (Winter 2018).

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